| Kolumne 09
Keine Angst vor Mathematik
Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer
Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie
und Psychotherapie III
Universitätsklinikum Ulm
MNU Zeitschrift 12/2008
Warum träumen manche Menschen bis zu ihrem
Lebensende vom Mathematikabitur? Warum gibt es sehr
viele Menschen, die beim Anblick einer Formel in eine
Art intellektueller Totenstarre verfallen? Warum gilt
das Fach Mathematik ganz allgemein als „schwer“?
– Ich möchte im Folgenden zeigen, dass die
moderne Gehirnforschung durchaus Antworten auf die gerade
gestellten Fragen bieten kann.
Unser Gehirn hat letztlich eine Funktion: Es dient dem
Überleben. Deswegen sucht es nach Regelmäßigkeiten
hinter den Moment zu Moment wechselnden Eindrücken,
extrahiert diese und speichert sie ab. Für Einzelheiten
ist unser Gehirn nicht gebaut, denn bei diesen handelt
es sich letztlich um Zufälle. Das Memorieren der
Zufälle von Gestern nützt mir wenig, wenn
ich morgen besser überleben will, denn definitionsgemäß
sind die Zufälle morgen anders. Was mir nützt,
sind die regelhaften Erfahrungen, Zusammenhänge,
Prozesse. Ein Baby speichert daher beim Laufen lernen
nicht ab: „Gestern bin ich beim Versuch, mich
am linken Tischbein aufzurichten, auf die rechte Pobacke
gefallen“. Solche Ereignisse zu speichern ist
nutzlos! Vielmehr schätzt das Baby beim Laufen
Lernen aus jedem Versuch immer besser die Gravitationskonstante,
die Hebelgesetze und die Parameter einer Reihe von Differentialgleichungen
zur Ansteuerung der Muskeln. Es lernt die Regeln, wie
man oben bleibt – von Fall zu Fall.
Auf diese Weise lernen wir Laufen, sprechen, Gitarre
oder Fußball spielen, uns zu benehmen und vieles
mehr – und wissen gar nicht, was wir alles gelernt
haben und können. Unser Gehirn ist kein Kassettenrekorder,
kein Videorekorder und schon gar keine Festplatte. Es
ist besser!
Gelegentlich allerdings lernen wir auch einzelne Fakten:
Hand auf die heiße Herdplatte – das machen
wir nur einmal. Zum raschen Lernen all dessen was wir
besser nicht tun sollten, haben wir eine ganz bestimmte
Struktur in unserem Kopf: den Mandelkern. Der Mandelkern
ist (nicht nur, aber doch ganz wesentlich) für
den Affekt der Angst zuständig, wie man seit Mitte
des letzten Jahrzehnts spätestens weiß. Mäuse,
denen man den Mandelkern beidseits entfernt, kann man
einer Katze auf den Schoß setzen und sie fühlen
sich kuschelig wohl. (Man muss die Katze vorher etwas
sedieren).
Die Aufgabe des Mandelkerns besteht darin, unseren Körper
auf Kampf oder Flucht vorzubereiten, noch bevor wir
wissen, was es zu bekämpfen oder wovor es zu flüchten
gilt. Wir sehen etwas, doch bevor unser Sehsystem diesen
Vorgang vollendet hat, hat unser Mandelkern schon einen
ersten Eindruck und programmiert unseren Körper
auf Kampf oder Flucht. Er ändert jedoch auch unsren
Geist: Wer beim Herannähern des Säbelzahntigers
sich zurücklehnt und das Problem zunächst
einmal auf sich wirken ließ, gehörte nicht
zu unseren Vorfahren! Angst und Kreativität schließen
sich aus, wie wir heute aus einer ganzen Reihe von Untersuchungen
wissen.
Aus genau diesem Grunde ist Angst ein schlechter Lehrmeister.
Nicht zuletzt in unserem Labor konnte gezeigt werden,
dass neutrale Inhalte, die unter Angst gelernt werden,
mit Hilfe des Mandelkerns abgespeichert werden. Beim
Abruf des Inhalts wird dann der Mandelkern aktiviert,
was Angst auslöst. Das aber bedeutet: Ein unter
Angst gelernter Inhalt taugt nicht zum kreativen Problemlösen.
Daraus folgt ganz allgemein: Wer heute dafür sorgen
will, dass die nächste Generation in Kindergarten,
Schule oder Universität für das Problemlösen
in 20 Jahren fit gemacht wird (und wer will das nicht?),
der darf nicht mit Angst unterrichten. Denn wer mit
Angst lehrt, der hat beim Lehren schon dafür gesorgt,
dass das Erlernte – bleibt es denn hängen
– das kreative Problemlösen hemmt.
Diese Einsichten sind für den Mathematikunterricht
besonderes relevant. Wer in anderen Fächern, beispielsweise
in der Biologie, etwas gelernt hat und am nächsten
Tag aufgerufen wird, der kann das auswendig Gelernte
abspulen. Selbst dann wenn er ängstlich ist. Die
Mägen der Kuh oder die Anzahl der Blütenblätter
einer Pflanze lassen sich memorieren. In der Mathematik
ist das anders: „Na Lisa, komm mal an die Tafel,
die binomischen Formeln hast du doch gestern auch schon
nicht gekonnt!“ Nach dieser Aufforderung geht
Lisa nach Vorne und ihr Mandelkern ist bereits aktiviert.
Dies sorgt dafür, dass ihr der Kniff, mit dem man
die vorliegende Gleichung löst, gerade nicht einfällt.
Dummerweise lauten die Antworten in der Mathematik fast
nie „42“ oder „17,9“. Es liegt
gerade in der Natur der Mathematik, dass man keine auswendig
gelernten Inhalte wiedergibt. Man muss vielmehr Probleme
kreativ lösen. Damit liegt es auch in der Natur
der Mathematik, dass sich Angst auf die Performance
auswirkt. Und wer sich einmal im Angst-Teufelskreis
befindet, kommt im Allgemeinen nicht wieder heraus.
Halten wir fest: Menschen mit Angst vor Formeln sind
weder dumm noch mathematisch unbegabt. Sie hatten nur
das Pech eines schlechten Mathematikunterrichts und
vor allem eines wenig einfühlsamen Mathematiklehrers.
Dies muss nicht so sein! Mathematiklehrer aller Länder:
Baut Angst ab oder – noch besser – sorgt
dafür, dass sie gar nicht erst aufkommt. Dies ist
der größte Dienst, den ihr eurem Fach erweisen
könnt!
Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer
Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie
und Psychotherapie III
Universitätsklinikum Ulm
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