MNU Logo DIE MATHEKOLUMNE // Das Wissenschaftsjahr 2008 - Jahr der Mathematik
JdM 2008
MNU
Die Mathekolumne
Kolumne 01
Kolumne 02
Kolumne 03
Kolumne 04
Kolumne 05
Kolumne 06
Kolumne 07
Kolumne 08
Kolumne 08

Kolumne 08

Auf dem Weg zur Mathematischen Bildung

Prof. Dr. Hans-Georg Weigand
Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik
Universität Würzburg
MNU Zeitschrift 10/2008


Die Bundeskanzlerin ist auf Bildungsreise durch die Republik, die SPD beschließt ein neues Bildungskonzept, die Grünen stellen zehn Reformziele für eine neue Schule auf, im Oktober 2008 findet der nationale Bildungsgipfel statt – das Thema Bildung ist derzeit im Fokus aller politischer Parteien. „Endlich“ könnte man sagen, „schon wieder“ oder „wieder einmal“ wäre eine eher resignative Sicht im Hinblick auf eine befürchtete nur zeitlich begrenzten Aufmerksamkeitswelle dieses für unsere Gesellschaft so wichtigen Themas

Der Begriff „Bildung“ ist ein weites Feld: Schul- und Ausbildung, Lebensbildung oder lebenslanges Lernen. Was auch immer darunter verstanden wird, Bildung baut auf einem feststehenden Bildungskern, aus tradierten und bewährten Inhalten auf. Darüber hinaus müssen Ziele, Inhalte und Methoden der (Schul-)Bildung angesichts aktueller Entwicklung stets neu überdacht, evtl. neu konzipiert, überprüft, – im Zeitalter der Globalisierung – in einen internationalen Rahmen eingeordnet und im Hinblick auf eine zukünftige Bildung kritisch analysiert werden.

Was bedeutet dies für die Mathematische Bildung? Schauen wir auf drei aktuelle Entwicklungstendenzen.

Lehrerbildung
Wir sind gegenwärtig mitten im Prozess der Modularisierung, der Einrichtung und Erprobung der Bachelor-Master-Struktur in der Lehrerbildung. Die aktuelle Situation lässt allerdings befürchten, dass sich das Ausbildungssystem entgegen dem ursprünglich angestrebten Ziel einer europäischen Vereinheitlichung bereits innerhalb eines Landes oder gar innerhalb eines Bundeslandes in eine Vielfalt unterschiedlicher, nicht miteinander kompatibler Modelle entwickelt.

Die Organisationsstruktur der zukünftigen Lehrerbildung ist aber nur eine Seite. Die andere – zentrale und wichtige – Seite ist die inhaltliche Ausgestaltung der Lehrerbildung: Die angebotenen Inhalte, das Wissen und Können der Studierenden am Ende der Ausbildung und der Grad der Vernetzung der drei Phasen der Lehrerbildung.

Die Gesellschaft für Didaktik der Mathematik (GDM) hat deshalb zusammen mit der DMV und dem MNU „Standards für die Lehrerbildung im Fach Mathematik“ (www.didaktik-der-mathematik.de) entwickelt. Darin kommt insbesondere und nochmals zum Ausdruck, dass fachwissenschaftliche und fachdidaktische Kenntnisse – gerade – im Rahmen der gegenwärtigen Kompetenzorientierung die zentrale Grundlage einer Mathematischen Bildung und Ausbildung darstellen.

Schulreformen
Im Bereich der Schulorganisation sind wir gegenwärtig in einer Zeit heftiger Umgestaltung: Einführung des 8-jährigen Gymnasiums, Diskussion um die Ganztagsschule, Überlegungen zur Zusammenlegung von Haupt- und Realschule, Förderung von Hochbegabten, Verstärken der frühkindlichen Bildung. Wie in der Lehrerbildung so gilt auch bei allen diesen Punkten, dass alleine organisatorische Veränderungen – etwa Fusion von Schulformen – die zentralen Probleme nicht lösen wird. Alleine durch die Abschaffung der Hauptschule wird die Absonderung von sozial benachteiligten, lernschwachen oder schwierigen Schülern nicht reduziert.

Gefragt sind heute Konzepte, die in den Unterricht hineinwirken, die angemessen auf die neue Unterrichtsrealität reagieren. Bildungsreform ist – auch oder vielleicht vor allem – Unterrichtsreform. So wichtig die Orientierung an fachübergreifenden und fachinternen Kompetenzen sein mag, Kompetenzen werden durch die Arbeit mit konkreten mathematischen Inhalten erworben. Mathematische Bildung wird durch den reflektierten zielorientierten Umgang mit tragfähigen mathematischen Inhalten erworben. Inhalte lassen sich nicht beliebig reduzieren. All diejenigen, die vom „Entschlacken“ oder „Entrümpeln“ der Lehrpläne sprechen, können häufig nicht einen Inhalt des Mathematikunterrichts angeben, der damit gemeint sein könnte.

Ein Beispiel: Mathemagische Momente
Die GDM beteiligt sich ist mit einem eigenen Projekt am Jahr der Mathematik. Das Projekt „Mathemagische Momente“ möchte Momente ergiebigen, freudvollen und fruchtbaren Mathematiklernens in den Mittelpunkt stellen. Anhand exemplarischer Lehr- und Lernsituation sollen Beispiele für gelungenes Mathematiklernen aufgezeigt werden: das Entdecken neuer Zahlen, das Erkennen von Eigenschaften von Begriffen, der Moment des Lösens eines Problems, der kreative Umgang mit Fehlern.

Diese „fruchtbaren Momente im Bildungsprozess“ fokussieren verstehensorientierte Prozesse beim mathematischen Arbeiten. Sie enthalten Elemente zentraler mathematischer Begriffe, sie stellen Beispiele für Lernumgebung dar, die nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen konstruiert sind und sie werden im (realen) Unterricht erprobt und dann evtl. verändert. Schließlich werden als Fortbildungsmaterialien in Form einer Buch-Veröffentlichung zur Verfügung gestellt werden.
Mathemagische Momente stellen eine Vision eines Unterrichts dar, dessen Ziel Mathematische Bildung ist. Studierende, Referendare und Lehrende benötigen Visionen von einer anzustrebenden mathematischen Bildung. Reformen und Veränderungen an Schulen und Universitäten müssen Wege zu diesem Ziel aufzeigen. Diese Wege auch zu gehen, dazu sind alle aufgefordert denen Mathematische Bildung ein wichtiges Anliegen ist.

Prof. Dr. Hans-Georg Weigand
Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik
Universität Würzburg

 
 
Prof. Dr. Hans-Georg Weigand
Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik
Universität Würzburg
 
Kontakt
Impressum
DER MATHEKOFFER ist ein Gemeinschaftsprojekt im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2008 Jahr der Mathematik